"Hier ist alles vergiftet"

 Der irische Bananenkonzern Fyffes dr?ngt auf den deutschen Markt - auf seinen Plantagen in Belize herrschen ¸ble Zust?nde

from Berliner Zeitung, 23rd July 1996

by Frank Nordhausen

 Wenn die Sonne hinter den Stauden versinkt, steigt ein widerlich
 muffiger Geruch aus dem Boden und kriecht in alle Winkel.
 Petroleumfunzeln leuchten auf; ab und an donnert ein Laster durch
 die Allee von Bretterbuden und wirbelt Staub in die Kocht^pfe.
 Frauen sch^pfen Wasser aus ihren Brunnen, die direkt unter die
 Bananen f¸hren. "Hier ist alles vergiftet", klagt Marciana Funez.
   Marciana Funez (38) ist eine Frau mit guten Nerven - die braucht
 sie auch. Denn sie f¸hrt die unabh?ngige Gewerkschaft der Arbeiter
 von Cowpen im S¸den von Belize, einem kleinen Land in
 Mittelamerika. "Mi? Funez wiegelt die Leute auf", sagt Peter
 Neville, der Sicherheitschef der Plantagen. Neville arbeitet f¸r
 den irischen Konzern "Fyffes", und Fyffes-Bananen liegen immer
 ^fter auch in deutschen Kaufhallen, zum Beispiel den
 Extra-Verbraucherm?rkten in Berlin. Der Fruchtmulti genie?t den
 Ruf, seine Lieferanten und Arbeiter besser zu behandeln als die
 US-Giganten Chiquita, Dole und Del Monte. Doch Fyffes hat ein
 Problem, und das hei?t Belize.
   "Ein Land voll tropischer Sch^nheit", werben farbige Brosch¸ren
 der belizischen Regierung. Das Paradies endet nicht weit von den
 Palmenstr?nden, bei der Ortschaft Independence. Dort stehen
 Bananen bis zum Horizont, nur das Tack-Tack-Tack der Wasserd¸sen
 f?hrt durch die Stille. Dann tauchen H¸tten auf, zusammengenagelt
 aus Kartons, Teerpappe und d¸nnen Brettern. Arbeiter kauen
 Tortillas, Frauen waschen Kleider in einem Flu?, und Kinder aalen
 sich darin. Flu?? Es ist das tr¸be Drainagewasser, das in Gr?ben
 aus den Pflanzungen l?uft.
   Es regnet Pestizide
   Pl^tzlich ein Brummen in der Luft, dann wei?e Punkte ¸berall: Es
 regnet Pestizide - um die Pflanzen vor Sch?dlingen zu sch¸tzen.
 "Aber der Pilot k¸mmert sich nicht um die Menschen", sagt der
 Arbeiter Marco Antonio Molina. Marciana Funez berichtet von
 Ausschl?gen, Augenkrankheiten und Vergiftungen: "Sogar an
 Durchfall sind Leute gestorben." Die Gefahr, krank zu werden,
 w?chst noch, weil es keine Latrinen gibt. Wer mal mu?, schl?gt
 sich in die Bananen. Die Malaria grassiert.
   <ber 2 000 Menschen wohnen mitten in den Farmen. Die meisten
 kommen aus El Salvador, Guatemala oder Honduras, denn in Belize
 verdienen sie einen US-Dollar pro Stunde, mehr als doppelt so viel
 wie in ihrer Heimat. Da Unterk¸nfte fehlten, entstand eine wilde
 Siedlung entlang der Plantagenstra?e; H?ndler kamen hinzu, sie
 betreiben Gark¸chen und kleine L?den. Doch es gibt keinen Schutz
 vor den chemischen Attacken, keine Medizin, keine Elektrizit?t.
 Viele sch^pfen Trinkwasser sogar aus den verseuchten Gr?ben.
   "Fyffes hat das Problem geerbt", verteidigt sich
 Konzernsprecherin Mary Finan aus Dublin. "Die Lebensbedingungen
 sind nicht akzeptabel, aber Fyffes versucht, sie zu verbessern."
 Der Konzern ¸bernahm drei der bankrotten Plantagen 1991 auf Wunsch
 der belizischen Regierung; die ¸brigen werden von lokalen Finceros
 betrieben. Zwar sicherte der Multi die Jobs, baute eine Schule und
 lie? Kinder impfen, aber er hat die ¸blen Zust?nde bisher nicht
 entscheidend ge?ndert. Die Regierung h?lt still: Schlie?lich
 vermarktet Fyffes s?mtliche in Belize produzierten Bananen, 60 000
 Tonnen im Jahr.
   Die Geschichte der Aktiengesellschaft Fyffes klingt wie ein
 M?rchen. Die irische Kaufmannsfamilie McCann erwarb das
 Unternehmen 1986 aus dem Chiquita-Imperium. Unter den McCanns
 handelte die Firma zun?chst vor allem mit Bananen und S¸dfr¸chten
 aus der Karibik. Dann begann sie enorm zu expandieren. 1990 gewann
 Fyffes den bizarren "Bananenkrieg" von Honduras. McCann hatte den
dortigen Pflanzern 50 Prozent h^here Preise als Chiquita geboten;
 daraufhin wurden Fyffes-Schiffe im Hafen Puerto Cortes blockiert.
 Als Politiker intervenierten, ¸berlie? Chiquita den Iren
 schlie?lich 40 Prozent jener Bananen, die unabh?ngige Farmer in
 Honduras ernten.
   Gefeuert und deportiert
   Allein in den letzten zwei Jahren verdoppelte Fyffes seinen
 Umsatz von 600 Millionen auf 1,1 Milliarden irische Pfund
 (umgerechnet etwa 2,6 Milliarden Mark). Vater Neil McCann und
 seine S^hne, die heute nur noch acht Prozent der Aktien halten,
 haben die Firma zum f¸nftgr^?ten Bananenkonzern der Welt gemacht.
   Die irische Erfolgsstory hat viel mit der europ?ischen
 Bananenmarktordnung von 1993 zu tun. Eines ihrer Ziele war es, die
 Bananenfarmer in den fr¸heren europ?ischen Kolonien (wie Belize)
 zu sch¸tzen, denn die haben auf dem freien Markt keine Chance
 gegen billige "Dollarbananen" aus den Gro?plantagen von Chiquita &
 Co. Die Einfuhr von Dollarbananen wurde beschr?nkt; wer aber wie
 Fyffes "koloniale" Bananen handelte, erhielt wertvolle Lizenzen
 auch f¸r Dollarbananen. Es ist kein Geheimnis, da? unter anderem
 Fyffes diese Regelung "¸ber die britische Regierung in Br¸ssel
 durchgesetzt hat", so Bruno Hoffstadt vom
 Landwirtschaftsministerium in Bonn. Hoffstadt: "Wie Sterntaler
 fielen Fyffes die Dollars in den Scho?."
   In den letzten drei Jahren erwarben die Iren Mehrheiten an acht
 gro?en Importunternehmen in D?nemark, Frankreich, Holland,
 Spanien, England - und Deutschland. Seit 1995 besitzt das
 Unternehmen 70 Prozent des Gro?importeurs J. A. Kahl aus M¸nchen;
 ein wichtiger Kunde bei Kahl ist die Metro-Kette. In Europa schon
 die Nummer zwei hinter Chiquita, h?lt Fyffes inzwischen auch fast
 zehn Prozent des deutschen Marktes.
   Auch in der Dritten Welt ist Fyffes gut angesehen. "Fyffes zahlt
 den Leuten mehr als die anderen Konzerne", best?tigt John Daly von
 der irischen Organisation "Fair Trade", die sich daf¸r einsetzt,
 Bananen ^kologisch und sozial vertr?glich zu produzieren. Daly
 sagt aber auch: "Fyffes mu? die unertr?gliche Situation in Belize
 beenden."
   Hilferufe aus Cowpen haben inzwischen internationale Proteste
 ausgel^st - und das hat viel mit Marciana Funez zu tun. Sie half
 den Arbeitern, eine Gewerkschaft zu gr¸nden. Als Belizerin spricht
 sie die Landessprache Englisch, sie kennt Anw?lte und wird von der
 katholischen Kirche unterst¸tzt. Prompt bekam sie Probleme: Man
 sch¸ttete Zucker in den Tank ihres Autos; im Juni 1995 lag ein
 Beutel Marihuana in ihrem Garten, und die Polizei hatte einen
 anonymen Tip bekommen
   Anfang Juni 1995 forderte ihre Gewerkschaft den Abzug der
 gef¸rchteten Sicherheitskr?fte aus Cowpen und Schutz vor den
 Chemikalien. Als Fyffes nicht reagierte und 15 Arbeiter entlassen
 wurden, traten Pflanzer aus verschiedenen Plantagen in einen
 friedlichen Streik. In einem Report der "Menschenrechtskommission
 von Belize" hei?t es: "Die Reaktion auf den Streik war schnell und
 brutal." Polizei und Milit?r fuhren auf, und 179 Menschen wurden
 zur guatemaltekischen Grenze verfrachtet. "Sie wurden mit Gewehren
 bedroht und geschlagen", sagt Marciana Funez.
   Die Spannung blieb. "Wer zur Gewerkschaft geh^rt, wird
 gefeuert", behauptet der Arbeiter Paco Rodriguez.
 Fyffes-Sprecherin Mary Finan bestreitet dies und sagt, "externe
 Gruppen" h?tten die Arbeiter "aufgehetzt": "Nur wenige
 Fyffes-Arbeiter beteiligten sich am Streik; von ihnen wurde
 niemand deportiert." Im Mai dieses Jahres lud eine
 Hilfsorganisation Marciana Funez nach Irland ein; sie kam in die
 Medien. Fyffes-Chef Neil McCann lenkte ein, sicherte ihr zu, die
 Gewerkschaft anzuerkennen. Sie m¸sse nur mit einer Namensliste
 nachweisen, da? 51 Prozent der Bananenarbeiter dazugeh^rten. Doch
 Funez fordert eine "geheime Abstimmung" auf den Plantagen - was
 Fyffes bisher nicht gestattet.
   Aus der Sprayzone holen
   "Hier geht alles weiter wie bisher", berichtete Marciana Funez
 k¸rzlich am Telefon. Zweimal w^chentlich verspr¸hen die Flieger
 ihren Giftcocktail, und alle drei Monate geben Arbeiter unter
 anderm das Mittel "Mocap" in den Boden. Abends benebeln die Gifte
 dann Alte wie Junge, M¸tter und S?uglinge. "Mocap" ist ein
 Insektizid, das der franz^sische Chemiegigant Rhone-Poulenc
 herstellt. Das wei?e Granulat killt Fadenw¸rmer, die die Wurzeln
 der Stauden fressen; doch es ist ein Nervengift der FAO-Klasse 1a,
 das hei?t "extrem giftig".
   "Das darf nur im Ganzk^rperschutzanzug mit Gasmaske angewendet
 werden", sagt Rolf Altenburger vom Umweltforschungszentrum in
 Leipzig. "In Drittweltl?ndern sollte es deshalb gar nicht benutzt
 werden." Der Stoff kann schon in kleinen Mengen schlimme Sch?den
 ausl^sen, wenn er auf die Haut ger?t nerv^ses Zucken, Atemnot,
sogar den Tod.
   Immerhin: Seit die Vorg?nge in Belize publik wurden, l??t Fyffes
 H?user errichten, "um die Arbeiter aus der Sprayzone zu holen".
 Inzwischen will der Weltkonzern die rufsch?digenden Plantagen am
 liebsten wieder loswerden und das Problem wohl dem Karibikstaat
 ¸berlassen.
   Gibt es ¸berhaupt ein Problem? In einem Brief antwortete der
 Fyffes-Manager Laurence Swan auf die Frage, wann denn endlich
 "fair" gehandelte Bananen auf den Markt k?men: "Es gibt sie
 bereits ¸berall in Irland, und sie hei?en Fyffes." +++