Junge Welte, Germany, 2nd April 1998
Judith Porath
MIT wohlklingenden Slogans wie »Einer der effektivsten Wege, Entwicklungshilfe zu leisten« oder »Kleidersammlung und Entwicklungshilfe« werben die Second-Hand-Kaufhäuser der Organisation Humana in Berlin und anderen Städten der Bundesrepublik. Auf tausenden Quadratmetern werden gebrauchte Hemden, Blusen, Pullis, Jeans angeboten. Größere und kleinere Humana-Verkaufsstellen sprießen allerorten, aber besonders im Ostteil Berlins, wie Pilze aus dem Boden. Das Geschäft boomt. Hunderte Kleidersammelboxen garantieren einen reibungslosen Nachschub an gebrauchter Kleidung. Wer bei Humana einkauft, spart nicht nur Geld. Er oder sie glaubt gleichzeitig, etwas für die sogenannte Dritte Welt zu tun. In ihren Filialen wirbt Humana für ein angeblich alternatives Lehrerstudium in Dänemark. Doch hinter dem schönen Schein verbirgt sich ein knallhartes Geschäft. Was sich mit dem Habitus einer humanitären Organisation umgibt, ist eine Firma des dänischen Tvind-Konzerns.
Wer sich für einen Entwicklungshilfeeinsatz von Humana entscheidet, muß diesen durch das Sortieren und den Verkauf von Altkleidern finanzieren. Es wird suggeriert, dieser Einsatz käme Entwicklungsprojekten zugute. Zwar gibt es solche in Afrika. Verglichen mit dem Umsatz des Tvind- Konzernes sind sie ein karitatives Feigenblatt. Kritiker weisen seit Jahren darauf hin, daß gerade zwei Prozent der Einnahmen das Tvind-Imperium verlassen. Seriöse Organisationen stecken rund 80 Prozent ihrer Einnahmen in Entwicklungshilfe. Humana behauptet hartnäckig, daß 62 Prozent der Kleidung nach Afrika verschickt würden, um mit dem Erlös Entwicklungshilfeprojekte zu unterstützen. Die Angaben ihrer Kritiker werden als ein acht Jahre alter Pressefehler abgetan. Doch die Zahlen von Humana sind äußerst fragwürdig und wurden bisher nicht kontrolliert. In den letzten Jahren geriet die Organisation immer wieder ins Zwielicht. So erhielt sie 1991 die Auflage, ihre Kleidersammlungscontainer in Hamburg und Berlin eindeutig als »gewerbliche Sammlung« zu kennzeichnen. In mehreren Berliner Bezirken wurde ihnen die öffentliche Aufstellung ihrer Container untersagt. Im gleichen Jahr wies die Genfer UNICEF-Zentrale ihre Büros an, »nicht mehr mit Humana zusammenzuarbeiten«. 1994 dann wurde Humana, die bis dahin behauptete, sie würde mit UNICEF zusammenarbeiten, von dieser abgemahnt: »...den Namen UNICEF nicht mehr für ihre Werbung zu benutzen.«
1996 rückte die in Großbritannien als »gemeinnützig« eingestufte »Humana UK« ins Visier der englischen »Aufsichtsbehörde für Wohlfahrtsvereine«. Diese hatte durch Recherchen herausgefunden, daß die Einnahmen nicht nach Afrika flossen, sondern auf ein Konto in der dänischen Stadt Vejle. Dort befindet sich einer der beiden Hauptstützpunkte der Humana-Dachorganisation Tvind. Als Folge setzte die Behörde einen staatlichen Verwalter ein. Das Ende der 60er Jahren gegründete, weit verzweigte Imperium mit Firmen und riesigen Ländereien auf der ganzen Welt geriet mehr und mehr in die Schlagzeilen.
Tvind, ursprünglich ein reformpädagogisches Bildungsprojekt, das Gemeinschaftssinn und praxisorientiertes Lernen fördern sollte, erhielt für seine 31 Schulen zwischen 1976 und 1996 eine Milliarde Kronen (230 Millionen DM) an staatlichen Zuschüssen. 1996 dann verdichtete sich der Verdacht, Tvind hätte Schüler- und Studentenzahlen gefälscht und Subventionen zweckentfremdet. In Folge dessen wurde der Betrieb der Tvind-Schulen durch das dänische Parlament per Sondergesetz verboten.
Aussteiger erheben Vorwürfe ganz anderer Art. Sie behaupten, Tvind/Humana wäre hierarchisch und sektenähnlich organisiert. Die Lehrerausbildung gleiche einer Art »Gehirnwäsche«. Zudem sei der Tvind-Abschluß staatlich nicht anerkannt.
Wer sich näher über Humana informieren will, dem sei eine Veranstaltung unter dem Titel »Die Lumpenlüge von Humana« empfohlen, die der BAOBAB- Infoladen eine Welt, Christburger Str. 3 in Berlin-Prenzlauer Berg, am Dienstag, 7. April, um 19.30 Uhr anbietet.