Hintergrund: Tvinds Imperium

Internetzeitung Jyllands-Posten, 28. April 2001

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Von Mikkel Hertz

Während die Tvind-Schulen ernstlich in den Blickpunkt der dänischen
Behörden geraten sind, wächst das Imperium außerhalb der Landesgrenzen
weiterhin. Durch ein umfassendes Netzwerk geheimer Gesellschaften fließen
Millionen von Kronen von einem Steuerparadies zum anderen. Tvind ist heute
mehr als etwas anderes ein beinhartes Geschäft.

Tvinds Sprecher Poul Jørgensen trägt einen schmucken Vollbart und einen
isländischen Sweater. Maos kleines rotes Buch ist beiseitegelegt. Mogens
Amdi Petersens revolutionäre Träume wurden durch Managementtheorien ersetzt.

Die Schultätigkeit Tvinds ist heute - mehr als etwas anderes - ein
weltumspannendes und ständig wachsendes Wirtschaftsimperium.

Nach außen hin legt Tvind Wert darauf, nur als eine Reihe von Schulen mit
nahen Beziehungen zur wohltätigen Organisation UFF, U-landshjelp fra Folk
til Folk [Entwicklungshilfe von Volk zu Volk, Anm.d.Übers.] dazustehen, die
Geld vor allem in Europa sammelt, um dem armen Afrika zu helfen.

Aber hinter der Fassade verbirgt sich ein beinhartes Millionengeschäft mit
Aktivitäten unbekannten Ausmaßes und ebensolcher Reichweite.

Zufolge einer vertraulichen Information der Zoll- und Steuerverwaltung,
ausgearbeitet in Verbindung mit einer umfassenden Untersuchung von Tvinds
wirtschaftlichen Dispositionen, ist dessen Tätigkeit dadurch
gekennzeichnet, daß

*         die Aktivitäten so weit wie möglich zerstreut werden;
*         die vielen Gesellschaften und Fonds des Konzern auf dem Papier
selbständige Einheiten, in Wirklichkeit aber Teil des Tvind-Imperiums sind;
*         Aktivitäten "von großem wirtschaftlichem Umfang" in hohem Maß durch
steuerfreie Einkünfte finanziert werden.

Zoll- und Steuerverwaltung stellen ferner fest:

"Von einer Konzernstruktur im juristischen Sinn kann keine Rede sein, aber
von einer Zusammenarbeit auf einer gemeinsamen Ideengrundlage mit einem
hohen Grad von Personalidentität auf Leitungsebene:"

Außer Reichweite

Die vielen Schulen in Dänemark sind nicht mehr Zentrum für alternative,
bahnbrechende Pädagogik. Sie sind heute insbesondere
Rekrutierungsanstalten, wo Tvind neue Mitglieder für die "Lehrergruppe"
wirbt - ein Stab von "Eingeweihten", die ihre ganze Zeit, ihr Geld und ihre
Arbeitskraft Tvind widmen. Und das ist, mehr als etwas anderes, eine von
den festen Einkommensquellen des Imperiums.

Ein Imperium, das heute über Vermögen und Werte von etlichen hundert
Millionen [dänischen] Kronen verfügt und das aus einem geheimen Netzwerk
von Gesellschaften über die halbe Welt hinweg besteht. Anonyme
Gesellschaften mit ganz anonymen Namen - wie Kirchheiner Bros. Limited,
Kadaview Company, Argyll Smith & Co und viele, viele andere.

Gemeinsam für alle diese ist, daß sie Adressen außerhalb der Landesgrenzen
haben - und daher außerhalb der Reichweite dänischer Behörden sind. Als
Regel an sehr gewerblichen Orten, wie Hongkong, Guernsey oder so weit
entfernt wie die Fidschi-Inseln.

Orte, an denen die Behörden keine aufdringlichen Fragen stellen oder
Beilagen, Abrechnungen, das Bezahlen von Steuern oder Informationen darüber
fordern, wer sich hinter dem anonymen Gesellschaftsnamen verbirgt. Orte, wo
das Bankgeheimnis unbrechbar ist. Und diese Gesellschaften werden immer mehr.

Und das Imperium wächst

Heute besitzt der Tvind-Konzern mindestens 14 Gesellschaften auf den
Steuerparadies-Inseln Jersey und Guernsey im Ärmelkanal, drei in Hongkong,
zwei auf den britische Jungfrau-Inseln und einen auf den Fidschi-Inseln.

Es gibt etliche mehr in England, noch mehr in Holland, ebenso wie Tvind in
Rußland, Marokko und auf Gibraltar tätig ist.

Die umfangreichen Besitzungen in der Karibik - Liegenschaften und Plantagen
u.a. auf den Cayman-Inseln und in Belize - stehen weiterhin unter der
Kontrolle des Tvind-Imperiums, wenn auch der Sprecher Poul Jørgensen
behauptet, sie seien vor mehreren Jahren verkauft worden. Und das Imperium
wächst.

Keine Behörde hat - außer oberflächlich - die wirtschaftlichen Verhältnisse
untersucht, die hinter diesem Geschäftsimperium stehen.

Es gibt, wie Zoll- und Steuerverwaltng feststellten, keine juristischen
Verbindungen zwischen den einzelnen Gesellschaften, Fonds oder Schulen des
Konzerns. Ein übersichtliches Organisationsdiagramm über die Geschäfte des
Tvind-Imperiums zu erstellen ist vermutlich unmöglich, ebenso wie jeder
Versuch fehlschlägt, durch offizielle Kanäle die Zusammenhänge zwischen
Tvinds Gesellschaften und internationalen Geschäften offenzulegen

Beispiel Guernsey

Ein Einblick in Tvinds Aktiengesellschaften auf Guernsey im Ärmelkanal kann
als Illustration dienen:

Es gibt sieben sogenannte Postkastengesellschaften. Sie alle teilen die
Anschrift mit einem Revisions- und Anwaltsbüro in St. Peter Port, Guernsey,
einer "Trust-Fund-Gesellschaft", die nur darüber informiert, daß man nicht
informieren will.

Ferner besteht die Direktion einer dieser Gesellschaften, Radmoor Limited,
aus zwei anderen Gesellschaften, Camberley Ltd. und Chatswood Ltd.. Die
Direktion von Camberley Ltd. besteht aus den Gesellschaften Radmoor und
Chatswood - und die Direktion von Chatswood sind selbstverständlich wieder
Radmoor und Camberley. Dann besitzen die drei Gesellschaften eine vierte,
Transco Shipping Limited, ebenso wie die Gesellschaften Radmoor und
Camberley die Hongkong-Gesellschaft "Jambalaya" besitzen, während eine
fünfte Gesellschaft, Bahia Farming, das Eigentum von drei weiteren auf
Jersey ist. Und so weiter.

Dieser Aufbau ist für Tvinds Geschäfte charakteristisch: die Dinge drehen
sich im Kreis, keine entkommt daraus, und alles ist hinter den anonymen
Fassaden zufälliger Revisions- oder Anwaltsbüros verborgen.

Die wirklichen Tätigkeiten der Gesellschaften - was immer sie auch seien -
spielen sich andernorts ab, und wer die Gesellschaften wirklich besitzt und
leitet, geht aus den offiziellen Dokumenten nicht hervor.

Der innere Kreis

Die Jylland-Post ist jedoch im Besitz von Informationen, die dokumentieren,
daß die Personen hinter diesen Gesellschaften eine enge Beziehung zu Tvind
haben. Sie alle sind Mitglieder der "Lehrergruppe", der festen Schar von
Anhängern - insgesamt einiger Hundert - die bereits viele Jahre zu Tvind
gehören und von denen jeder einzelne erklärt hat, seine Zeit, sein Geld und
sein Leben mit der restlichen Gruppe zu teilen.

Hinter den anonymen Gesellschaften verstecken sich Leute wie:
- Anne Hansen, London, ehemalige Lehrerin im "Notwendigen Seminar" in
Ulfborg und durch viele Jahre Mitglied der "Koordinationsgruppe" - dem
kleinen inneren Kreis um Tvinds Gründer, Mogens Amdi Petersen.
- Else Jensen, geboren 1954 in Svendborg, gehört zum selben Kreis. Sie
hatte jahrelang die Verantwortung für Tvinds innere Sicherheit.
- Svend Sørensen, ehemaliger Lehrer an der weiterführenden Schule in Roskilde.
- Anne Nielsen, ehemalige Vorsitzende der Leitung der "Reisenden Hochschule
auf dem Weg des Sieges".
- Birgit Ring, ehemalige Lehrerin an der weiterführenden Schule bei Tvind
in Juelsminde.
- der Holländer Jop Nagle, der am Bau der großen Windmühle in Ulfborg
beteiligt war und der jahrelang - von einer Adresse auf den holländischen
Antillen aus - besondere Aufgaben für den Kreis um Amdi Petersen ausgeführt
hat.

Direktoren-Zirkus

Es gib noch viel mehr - und das geht, kreuz und quer durch die eine
Gesellschaft nach der anderen. Nehmen wir z.B. die Gesellschaft
"Procurement White Halle Agency" an der Adresse Oudezijds Voorburgwal
Nummer 266 in Amsterdam:

Die Gesellschaft gibt an, "Projekte" an Entwicklungsländer zu liefern. Sie
ist Eigentum einer Gesellschaft in London mit dem Namen "Agence Notre Dame
Limited", die wiederum einem Flemming Gustafsson gehört.

Derselbe Gustafsson - Ingenieur, im März 1943 in Aarhus geboren und viele
Jahre hindurch treues Mitglied von Tvinds "Lehrergruppe", war bis letztes
Jahr Direktor einer anderen Gesellschaft an der gleichen Adresse. Diese
heißt "Textile Transformation/E.C. Trading" und betreibt u.a. Export
gebrauchter Kleidung nach Osteuropa, die von Tvinds Hilfsorganisation
Humana gesammelt wird.

Die Direktorin der Gebrauchtkleiderfirma ist heute Annicken Grønvold, in
Norwegen geboren, dänische Staatsbürgerin und dem holländischen
Gesellschaftsregister zufolge in Bakinskikh Kommissarov wohnhaft, etwa 100
km südlich von Aserbeidschans Hauptstadt Baku. Annicken Grønvold wohnte bis
1994 auf den Tvind-Schulen in Ulfborg. Ruft man jedoch die
Textil-Gesellschaft an, so erfährt man, daß die Direktorin Kirsten
Christiansen heißt. Auch Kirsten Christiansen gehört Tvinds Lehrergruppe an
- und tritt übrigens als Direktorin mehrerer anderer Gesellschaften, z.B.
auf Jersey, auf.

Gustafsson rings um den Erdball

Dasselbe gilt für Flemming Gustafsson. Er leitete seine Karriere im Konzern
als Lehrer an den Tvind-Schulen in Vamdrup ein. Später stellte er seinen
Namen der "Gustafsson ApS", in Fredericia beheimatet, zur Verfügung.

Heute ist die Gesellschaft zur Aktiengesellschaft Løvdal umgebildet- eine
landwirtschaftliche Gesellschaft, teilweise im Besitz von Tvinds
"Mutter-Fonds", Fælleseje [= gemeinsames Eigentum], deren Vorsitzender der
Tvind-Leiter Poul Jørgensen ist.

Gustafsson gibt mehrere verschiedene Adressen ringsum in der Welt an -
zuletzt eine in Budapest - und tritt in Verbindung mit mehreren
Tvind-Gesellschaften auf. In Hongkong wird er als Direktor der
Gesellschaften Kadaview Company und Seagon Investment gemeinsam mit zwei
weiteren Mitgliedern der Lehrergruppe auf Tvind, Else Jensen und Birgit
Ring, angeführt.

Die beiden scheinen wieder an anderen Orten im Konzern auf, u.a. in der
Möbelfirma Kirchheiner Bros., die - natürlich - ihren Sitz auf Jersey hat.
Hier besitzt Tvind die Gesellschaften Cedex Pac., Holland House, Argyll
Smith & Co, samt einer Landebahn, und wieder sind es treue Tvind-Anhänger,
die dahinterstehen.

An anderen Orten tritt Flemming Gustafsson gemeinsam mit dem Holländer Jop
Nagel - dem Windmühlenbauer - und dem Dänen Svend Sørensen auf, einem
ehemaligen Tvind-Vorsteher, der viele Jahre hindurch eine Plantage des
Konzerns in der Karibik betrieben hat.

Der Zweck ist unbekannt

So kann man also die Spuren in der ganzen Welt verfolgen, auf den Fersen
von Namen wie Annicken Grøvold, Kirsten Christiansen oder Flemming
Gustafsson, beim Versuch, Mosaiksteinchen zu sammeln, die zusammen ein -
wenn auch unvollständiges - Bild von Tvinds weltumspannendem finanziellem
Puzzlespiel ergeben.

Man kann ihnen von Guernsey nach Holland und zurück nach Jersey folgen,
weiter nach Hongkong oder zu den Fidschi-Inseln, zurück zum Ärmelkanal, um
schließlich mit einem Abstecher in die Karibik zu gelangen.

Ohne dadurch sehr viel klüger zu werden.

Denn nirgends erfährt man, was der Zweck des geheimen Netzwerks von
Gesellschaften ist. Daß es ein Teil von Tvinds finanziellem Imperium ist,
steht außer Zweifel. Und daß zwischen den Gesellschaften bedeutende Beträge
transferiert werden - und zwischen den dänischen Fonds und Vereinigungen,
wie z.B. der "Kontovereinigung vom 15. Juli 1992" der Lehrergruppe - steht
ebenfalls fest.

Aber woher das Geld kommt, von wieviel eigentlich die Rede ist, wohin es
geht, und was der Zweck der verschnörkelten Gesellschaftskonstruktion ist -
von einem Steuerparadies zum anderen - darüber will sich niemand aussprechen.

Einige behaupten, der Zweck sei, der dritten Welt zu helfen - durch
Projekte in Entwicklungsländern und durch Unterstützung revolutionärer
Bewegungen. Andere halten daran fest, daß die Geheimniskrämerei hinter
Tvinds ständig wachsendem finanziellem Imperium deprimierend einfach ist:
Nämlich dem inneren Kreis um Tvinds Gründer, Amdi Petersen, ein angenehmes
und luxuriöses Leben ohne wirtschaftliche Sorgen zu sichern. Und fragt man
bei Tvind, so erhält man keine Antwort.

Übersetzung: Friedrich Griess