Eindhovens Dagblad, Holland, 19th January 2002
[in Dutch] [in English]
Von Han Gommeren
Kleidersammeln für die Dritte Welt. Dies sieht wie ein edles Werk aus. Doch
kam die ursprünglich dänische Humana und das damit verbundene Tvind schon
seit Jahren ins Gerede. Es ist die Frage, ob all die Millionen, die an
gebrauchten Kleidern verdient werden, wirklich den armen Mitmenschen zugute
kommen, wie Humana behauptet. Oder verschwinden sie größtenteils in einem
weltweiten Netz von Stiftungen, Schulen, Betrieben, Plantagen und
Postkastenfirmen des Tvind-Imperiums?
'Sie verschenken die Kleider, glaube ich', sagt Frau H. Lentink, nur
Schritte entfernt vom weißen Humana - Kleidercontainer am Heerzerweg in
Eindhoven. Die Stratumserin liefert hier regelmäßig alte Kleider ab.
Erstaunt blickt sie auf, als sie hört, daß Humana die Kleider in eigenen
Läden in den Niederlanden verkauft und durch kommerzielle Schwesterbetriebe
größtenteils nach Osteuropa und Afrika exportiert. Für einen guten Zweck,
sagt Humana. Anders als es die einfachen Container vermuten lassen, ist der
Handel mit Secondhand-Textilien ein Millionengeschäft. Zum Beispiel stehen
in Eindhoven mindestens vierzig Humanacontainer und darin verschwanden im
Jahr 2000 758.000 Kilo gebrauchte Kleider. Insgesamt gibt Humana an, in den
Niederlanden jährlich etwa zehn Millionen Kilogramm (niederländischer
Marktpreis Euro 0.45 per Kilogramm) zu sammeln. Humana sammelt Kleider in
elf europäischen Ländern, aber auch in den Vereinigten Staaten. Die
weltweit agierende Humana hat ihren Ursprung in Dänemark. 1970 gründete
dort eine Gesellschaft von Hippies unter der Leitung des Lehrers Amdi
Petersen im dänischen Dörfchen Tvind eine alternative Schule, 'um die
Welt
zu retten'. Die Tvind-Bewegung bekam schnell Anhänger, die Anzahl der
Schulen wuchs dementsprechend. Dies geschah dank der dänischen Gesetzgebung
mit viel Unterstützungsgeldern. 1997 rief Tvind die Development Aid for
People to People (DAPP), oder in Afrika Humana, ins Leben. Die Tvindschulen
bildeten die DAPP-Studenten zu Entwicklungshelfern aus. Mitte der
Achtzigerjahre stürzte sich Tvind durch Humana auf den lukrativen Markt des
Kleidersammelns. Mit dem Zweck, so sagt Humana, Entwicklungsprojekte zu
finanzieren.
Millionärsinsel
Inzwischen, mehr als vierzig Jahre nach der Entstehung von Tvind, bewohnt
der Gründer Amdi Petersen ein Penthouse im Wert von 7,9 Millionen Euro auf
einer Millionärsinsel bei Miami. Der charismatische Tvind-Boss verschwand
1979 spurlos, aber Journalisten der dänischen Zeitung Jyllands-Posten
spürten im Vorjahr seinen Aufenthaltsort auf. Petersen verschwand nicht
grundlos. Die dänischen Behörden vermuten, daß Tvind hunderte Millionen
Kronen an Subventionen häufig für andere Zwecke als Unterricht ausgegeben
hat. 1996 wurden daher die Subventionszahlungen an einige Dutzend Schulen
eingestellt. Die Subventionen bilden die Basis des heutigen
Tvind-Reichtums. 'Die Subventionen sind im Tvind-Netzwerk verschwunden',
sagte der damalige Unterrichtsminister Ole Vig Jensen. Die hunderte
Millionen bilden einen Teil der Milliarden, die dem ehemaligen
Tvind-Spitzenmann Henning Bjørnlund zufolge in dem Imperium von Schulen,
Stiftungen, Betrieben und Baumplantagen zirkulieren. Er kaufte, sagt er,
alle Baumplantagen für Tvind - unter dem Vorwand der Entwicklungsarbeit.
'Bei allen Ankäufen war der Ausgangspunkt, daß sie gewinnbringend sein
mußten. Auf den Plantagen findet keine Entwicklungsarbeit statt, das ist
pures Geschäft', bekannte Bjørnlund 1995. Das Herz von Tvind bildet die
sogenannte Lehrergruppe, welche die Schulen und Betriebe von Tvind und die
Entwicklungsprojekte von Humana leitet. Wer der Lehrergruppe beitritt,
liefert all seinen persönlichen Besitz ab. Jeder Lehrer zahlt seinen Gehalt
in einen gemeinsamen Topf ein im Austausch gegen Kost, Quartier und ein
wenig Taschengeld. Geld und Zeit sind bei Tvind gemeinsamer Besitz. Die
Studenten für die Tvind-Schulen werden durch Humana weltweit geworben, auch
in den Niederlanden. Die Entwicklungshelfer in spe müssen arbeiten, um ihr
Studium zu verdienen: Karten verkaufen, arbeiten in Humana-Geschäften,
Kleidersortierzentralen und Tvind-Betrieben. In Groningen riet im Vorjahr
der Studentenbund den Studenten, einen Aufruf durch Humana-Poster in der
Stadt ('You are needed in Africa') zu ignorieren. Sowohl der Unterricht als
auch das Entwicklungswerk von Tvind/Humana sind seit Jahren der Kritik
ausgesetzt. Die Europäische Union stellte 1987 fest, daß auf den
Tvind-Plantagen, die offiziell als Entwicklungsprojekte gelten, zwischen
Tvind und der Bevölkerung ein Verhältnis wie zwischen Arbeitgeber und
Arbeitnehmer besteht. Von einer Partnerschaft war keine Rede. Die EU
betrachtet außerdem die Entwicklungshelfer von Humana als 'im allgemeinen
nicht qualifiziert':
Eindhoven
Ex-Freiwillige beklagen sich in der Presse regelmäßig über 'geistigen
Terror', der auf sie ausgeübt wurde. Sie berichten auch, daß sie an den
Tvindschulen zwar putzen mußten, aber kaum einen Unterricht bekamen. Solche
Erfahrungen machte auch eine nun in Eindhoven wohnende 20-jährige Slowakin.
Sie sollte nach einer Humana-Ankündigung eine Ausbildung bei Tvind zur
Entwicklungshelferin im norwegischen Hornsjø absolvieren. Nach der
Ausbildung von sechs Monaten mußte sie arbeiten, um die Studiengebühren -
ungefähr 3400 Euro - zurückzuzahlen, und tausende Euros für den
Aufenthalt. 'Von der Ausbildung gab es überhaupt nichts', berichtet die
Slowakin. Vor ihr liegt eine Ansichtskarte und darauf ein Hotel in Hornsjø
(bei Lillehammer). 'Wir mußten von morgens bis abends im Skihotel von Tvind
arbeiten. Als ich wegen Ermüdung zuletzt eine Epilepsieanfall bekam, schrie
mich ein Lehrer an, ich solle arbeiten. Ich hatte Todesangst. Im Laufe der
Zeit kam ich mit einigen anderen zur Schlußfolgerung, daß nichts von dem
verwirklicht wurde, was man uns vorgespiegelt hatte. Humana benützt
Menschen für den eigenen Gewinn und mißbraucht den jugendlichen
Idealismus.' Dank einer hilfsbereiten Eindhovenerin, die sie via Internet
kennenlernte, konnte sie flüchten. Humana wirbelt quer durch Europa Staub
auf. In Frankreich verboten die Richter Humana nach Problemen mit dem
Fiskus. Schwedische Untersuchungen zu Beginn der Neunzigerjahre zeigten,
daß nur zwei Prozent des Ertrags an die Dritte Welt flossen. In
Großbritannien wurde Humana 1988 durch die Charity Commission aufgehoben,
weil Charity-Geld in Simbabwe verschwand. 'Alle dänischen
Vorstandsmitglieder wurden aus dem Vorstand entfernt und durch Briten
ersetzt. Es wurde eine neue Organisation errichtet, Traid Ltd.', sagt der
englische
Journalist Michael Durham, der eine Website über Tvind
(http://www.tvindalert.org.uk)
errichtet hat. Eines der auf die Straße
gesetzten Vorstandsmitglieder war Jytte Nielsen. Die Dänin ist nun
allgemeine Direktorin von Humana Niederlande, Vize-Vorsitzende von Humana
Österreich und spielt eine bedeutende Rolle in der europäischen
Humana-Organisation. Vorsitzender Jesper Wohlert von der Stiftung Humana
Hergebruik, einer der beiden Stiftungen, aus denen Humana Niederlande noch
besteht, war Direktor des 1988 aufgehobenen britischen Tvind-Betriebes All
Europe Satellite Television Ltd.. Dort verschwanden damals viele
Zehntausende Pfund der britischen Humana. Die Frage ist nun: Wie steht es
mit Humana Niederlande? Direktor R. van Baaren sagt, es sei sicher, daß der
Ertrag der Kleidersammlung in den Niederlanden für Hilfe in Afrika
verwendet wird. 'Der Rechnungsprüfer bestätigt, daß das Geld bei unserer
Schwesternorganisation DAPP in Afrika ankommt.' Kontrolle über die
Verwendung des Geldes findet nicht statt. Das niederländische Äquivalent
der britischen Charity Commission, das Centraal Bureau Fondsenwerving, hat
mangels gesetzlicher Befugnis und Geldes keine Möglichkeit, in Afrika
Kontrollen bei DAPP/Humana durchzuführen, sagt die stellvertretende
Direktorin L. van Beth. 'Natürlich wissen wir, daß in Europa jahrelang um
Humana krumme Dinge geschahen. Aber auf dem Papier klappt hier alles.'
Kommerziell
Humana ist trotzdem äußerst kommerziell eingestellt. Es verkaufte, ebenso
wie ihre europäischen Schwesternorganisationen, Millionen, wenn nicht
Dutzende Millionen Kilogramm Kleidung durch den in Amsterdam errichteten
Tvind-Betrieb Textile Transformation EC Trading BV. Bis EC Trading im Jahr
2000 in Konkurs ging und z.B. den größten niederländische
Kleidersortierbetrieb, die De Boer Groep, mit einer unbezahlten Rechnung
von eineinhalb Millionen Gulden sitzen ließ. Von Humana Niederlande
verschwanden eine halbe Million Gulden (226.980 Euro) durch den Konkurs,
Geld, das auf jeden Fall nicht der Dritten Welt zugute kam. Jedoch macht
Humana Niederlande nun Geschäfte mit dem ersten Direktor von EC Trading,
dem Dänen Flemming Gustafsson. EC Trading ging durch vier Nichtbezahler in
Konkurs, Postkastenfirmen im Steuerparadies Jersey. Diese werden, ebenso
wie EC Trading, von dänisch/skandinavischen Direktoren geleitet, in diesem
Fall nahezu immer dieselben drei. Und sie werden, ebenso wie die meisten
Vorstandsmitglieder von Humana Niederlande, zur Lehrergruppe gerechnet.
PvdA-Kammermitglied P. van Heemst, der 1996 Humana in Frage stellte, ist in
seiner Reaktion kurz aber kräftig: 'Ich raten den Gemeinden, die
Zusammenarbeit mit Humana zu beenden. Tvind/Humana ist eine Geldmaschine
unter der Tarnung als Hilfe für die Dritte Welt.' Die Gemeinde Zaanstadt
hat - bisher bekannt als erste niederländische Gemeinde - beschlossen, die
Kleidercontainer zu verbannen. Zur Empörung der Humana, die von einer
'mittelalterlichen Hexenjagd" spricht. Der Eindhovener Gesetzeshüter von
Milieu und Finanzen, A. Scherf, sieht keinen Anlaß, sich auf die Beziehung
zu Humana zu besinnen. Eine wiederholtes Ansuchen um ein Gespräch läßt er
unbeantwortet. Die vierzig Kleidercontainer bleiben, soweit es ihn
betrifft, einfach stehen.
Übersetzung: Friedrich Griess