The death of a Humanitarian

Berliner Zeitung

Date:   17.07.2002

Author:   Frank Nordhausen

Tod eines Menschenfreunds

Er wollte die Welt verbessern, er schloss sich einem geheimnisumwitterten
Konzern an, er hat sein Leben gelassen - die Geschichte des Jochen Schaffer

MÜNCHEN, im Juli. Als Jochen Schaffer die Falle erkannte, war es zu spät.
Nicht zum ersten Mal war er die weite Strecke in die nächste Stadt gefahren,
um die Gehälter der Farmarbeiter zu holen. Er lenkte den Pickup auf den
sandigen Feldweg durch die brasilianische Savanne im Südwesten von Bahia.
Noch eine Stunde zurück zur Farm; neben ihm döste der Begleitpolizist. In
einer Senke geschah es dann. Ein Auto stand quer. Der Deutsche stoppte.
Plötzlich schob sich von hinten ein Laster heran, Schaffer hörte Schüsse.
Eine Kugel durchschlug das Rückfenster und drang in Schaffers Schulter. Der
Deutsche riss die Wagentür auf und versuchte zu fliehen. Da traf ihn eine
zweite Kugel in die Brust. Er war sofort tot. Zwei Stunden später fand man
den Wagen. Der Polizist lebte, zwanzigtausend Dollar waren weg. All dies
geschah am Mittag des 27. März. Zwölf Stunden später klingelte auf der anderen Seite des Atlantiks in
München das Telefon. "Ich stand unter der Dusche, als mich meine Frau rief",
erzählt Horst Schaffer. "Sie sagte nur, der Jochen ist tot. Ich habe
gedacht, ich kriege wieder einen Herzanfall."Horst Schaffer, 52 Jahre alt, ist ein energischer Mann. Doch dem Manager
einer großen Hotelkette fällt es noch immer schwer, über jenen Moment zu
reden, als er vom Tod seines jüngeren Bruders erfuhr. "Der Jochen", sagt er,
"war ein herzensguter Mensch, ich habe ihn geliebt. Ich möchte wissen, warum
er sterben musste." Dies ist die Geschichte von Jochen Schaffer, der einem großen Verführer
folgte und den Tod fand. "Ich war Jochens bester Freund", sagt Steen Thomsen
aus Dänemark, ein Mittfünfziger, der gebückt geht und müde wirkt. Thomsen
ist an diesem Sommertag nach München gekommen, um mit Horst Schaffer über
Jochen zu sprechen. "Jochen und ich, wir hatten beide den Traum, die Welt zu
verändern", sagt Thomsen. "Doch ich wünschte, auch Jochen hätte Tvind noch
rechtzeitig verlassen."Tvind ist der Name eines kleinen Ortes in Dänemark, der zum Synonym wurde
für den Aufstieg und den Fall einer großen Idee. Es war Ende der siebziger
Jahre, als Jochen Schaffer sich wie andere junge Leute aus ganz Europa
aufmachte, an einem sozialen Experiment teilzunehmen: der Tvind-Bewegung.
Deren charismatischer Anführer Mogens Amdi Petersen hatte 1970 eine
Schulreformbewegung gegründet, die Theorie und Praxis verbinden sollte.
"Diese Idee hat Jochen, der Pädagogik studierte, sofort überzeugt", sagt
Steen Thomsen. Jochen Schaffer überzeugte auch der ideologische Hintergrund. Denn wie er
selbst war der Däne Petersen ein Maoist, der an die "Weltrevolution"
glaubte; in seinen Schulen wollte er nicht nur Wissen vermitteln, sondern
auch Revolutionäre erziehen. "Wir feierten den Geburtstag des
nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung und ließen die Roten Khmer
hochleben", erinnert sich Steen Thomsen. Das lukrative dänische
Subventionssystem erlaubte es Tvind, fast ohne Eigenkapital im Lauf der
Jahre über vierzig Schulen im Land zu eröffnen, dazu zwanzig Schulen
weltweit. Die rund achthundert Lehrer der Tvind-Schulen waren die Kader für Petersens
Privatrevolution. Sie wohnten in Kommunen und hatten kein Eigentum, sondern
zahlten ihre Gehälter und die staatlichen Zuschüsse in gemeinsame Fonds ein.
Wer in ihre Gemeinschaft, die so genannte "Lehrergruppe", eintrat,
versprach, sein ganzes Leben Tvind zu weihen, Petersens Befehlen zu folgen
und niemals Informationen nach außen zu geben. Doch zehn Jahre nach der
Gründung drangen erstmals Berichte an die Öffentlichkeit, in denen frühere
Mitarbeiter der Gruppe vorwarfen, sie binde ihre Mitglieder mit
"Gehirnwäschemethoden" an ein "diktatorisches System". Als Jochen Schaffer zu Tvind kam, habe er "von dem totalitären Charakter
sicher noch nichts bemerkt", sagt Steen Thomsen. Ihm fiel der 28 Jahre alte
Deutsche 1980 auf einer Tvind-Versammlung in Dänemark auf, "weil er so stolz
und stark wirkte". Kurz vorher war Amdi Petersen in den Untergrund
abgetaucht, da er sich von "CIA-Killern" verfolgt fühlte. Er gab seine
Anweisungen nun nur noch auf geheimen Meetings. Er prüfte auch Jochen und
nahm ihn 1981 feierlich in die Lehrergruppe auf. Jochen Schaffer, Kind einer Arbeiterfamilie aus Heidenheim, war damals ein
"Alternativer" mit langen blonden Locken. Er hatte das Jurastudium in
München abgebrochen und war nach Berlin gegangen, um dort Sozialpädagogik zu
studieren. In München hatte er nebenher Strafgefangene betreut, in Berlin
kümmerte er sich um ein behindertes Mädchen. "Jochen war ein Reisender in
Sachen Humanismus", sagt sein Bruder. In West-Berlin hatte sich Jochen auch
politisiert. "Er sagte immer zu mir, du mit deiner Familie, das ist doch
kleinbürgerlich." Viel wusste Horst Schaffer nicht von Jochens Leben bei
Tvind, aber er sah ihn ab und an in München. "Er kam immer wieder mit einem
alten Bus und einer Horde Jugendlicher bei uns vorbei. Die Tür ging auf, sie
fielen über unser Haus her, und hinterher waren alle Toiletten verstopft und
der Kühlschrank leer." Reisen mit klapprigen Bussen nach Afrika oder Indien gehörten zum
Tvind-Konzept des "learning by doing". Jochen Schaffer liebte diese Reisen.
Und er liebte die neuen Herausforderungen, als Tvind begann, sich weltweit
auszudehnen. Mit hunderten von Millionen Mark aus ihren Fonds gründeten
Petersens Kader in über siebzig Ländern Firmen wie die Altkleiderkette
"Humana", sie kauften Mangoplantagen in Belize und Möbelfabriken in China.
Das Tvind-Imperium entstand - offiziell mit dem Ziel, der Dritten Welt zu
helfen, in Wahrheit mehr und mehr auf Profit ausgerichtet. "Eine riesige
Geldmaschine", urteilt Steen Thomsen. Bis heute rekrutieren die Tvind-Leute
dafür junge Leute auch in Deutschland.Im Auftrag der Lehrergruppe reiste Jochen Schaffer auch nach Angola und
Mosambik, um dort für Tvind zu arbeiten. "Jochen wollte eine bessere Welt
errichten. Er hat nie begriffen, dass er dabei nur ausgebeutet wurde", sagt
sein ehemaliger Freund Steen Thomsen. Bei seinen "Genossen" galt der
Deutsche als flexibel und intelligent. Trotzdem warnte Amdi Petersen die
Gruppe vor Jochen; der sei ein Deutscher und wolle die Führung übernehmen. Vor der Lehrergruppe musste Jochen immer wieder Selbstkritik üben. "Er
musste seine angeblichen Fehler gestehen. Dass er nur an sich selbst denke
und nicht an Tvind." So erinnert sich Steen Thomsen an die Vorwürfe.
Mehrmals habe Amdi Petersen ihm sogar befohlen, sich von einer Partnerin zu
trennen. "Jochen gehorchte, obwohl er sich ein Kind wünschte." Warum? "Tvind
ist wie eine Sekte, es gilt das Wort des Anführers. Beziehungen und Kinder
waren verpönt."Jochen Schaffer gehorchte auch, als er 1989 nach England beordert wurde, um
dort an Tvind-Internaten für schwer erziehbare Kinder zu arbeiten. Wie immer
mussten die Lehrer mit einem Taschengeld auskommen. "Dieses Leben hat uns
ausgelaugt", sagt Thomsen. "Die Jugendlichen haben uns geschlagen und
getreten. Einmal haben sie Jochen mit Messern verletzt, aber er gab nie auf.
Weil er sich wirklich für sie interessierte." Im Januar 1998 schlossen Polizisten die Schulen, weil die Gesundheit und
Sicherheit der Schüler nicht gewährleistet werden könnten. Damals
diskutierten die beiden Freunde über Tvind. "Jochen fragte, wozu verdammt
machen wir das eigentlich?" Kurz darauf ergriff Thomsen bei Nacht die
Flucht. "Damals hatte ich das Gefühl, dass Jochen auch gehen wollte. Aber er
war treu. Er hatte sich einmal entschieden, also blieb er." Horst Schaffer führte in jener Zeit ein Gespräch mit seinem Bruder am
Telefon. Er konfrontierte ihn mit kritischen Informationen über Tvind und
bot ihm einen Job an. Jochen habe das Angebot abgelehnt, aber nachdenklich
gewirkt. Kurz darauf verschwand Jochen Schaffer aus England. Ein Jahr später
rief er seinen Bruder plötzlich aus Brasilien an. "Er sei auf einer
Plantage, es sei ein Geheimnis, aber alles sei gut", erinnert sich Horst
Schaffer. Die Farm Floryl ist der größte Landbesitz von Tvind, ein Areal größer als
Berlin. 1997 erwarb Tvind das riesige Gelände vom Ölkonzern Shell, der in
der brasilianischen Savanne Kiefern und Eukalyptusbäume hatte anpflanzen
lassen. Jochen Schaffer organisierte das Geschäft mit dem Holz. Er reiste
viel herum, um Pfähle und Bretter in großem Stil zu verkaufen. Jochen habe
gewirkt, als habe er seinen Frieden gefunden, sagt Horst Schaffer. Auf jener
Farm in der Savanne, wo die Tvind-Bosse nur selten auftauchten. "Er hat aber
auch gesagt, dass er nicht mehr durchblickt, was bei Tvind eigentlich
läuft."Bereits 1990 war bekannt geworden, dass Amdi Petersen und andere
Tvind-Manager ein luxuriöses Leben in der Karibik führten, während sich die
einfachen Mitglieder weiter für die Organisation aufopferten. Zurzeit
bereitet die dänische Justiz nach diversen Razzien einen Prozess gegen
Petersen und sechs Gefolgsleute wegen Steuerhinterziehung und
Subventionsbetrug in Millionenhöhe vor. Im Februar wurde der Tvind-Boss
überraschend in Los Angeles verhaftet, wo er seither in Haft sitzt. Im
August wird entschieden, ob Petersen, der die Vorwürfe bestreitet, aus den
USA nach Dänemark ausgeliefert wird. "Mich interessiert Petersen nicht, ich will wissen, was mit meinem Bruder
passiert ist", sagt Horst Schaffer. Nach Jochens Tod buchte er für sich und
seine Frau sofort einen Flug nach Brasilien, wo sie dann von Tvind-Managern
aus der geheimen Zentrale in Miami begrüßt wurden. Nach einer ergreifenden
Aufbahrungszeremonie führte man die deutschen Gäste auf der Farm herum. "Sie
sagten uns, alle hätten Jochen geliebt, auch die vierhundert brasilianischen
Arbeiter", sagt Horst Schaffer. "Nur eines verstehe ich nicht: In Jochens
Zimmer war nichts Persönliches. Kein Brief, nichts. Wo ist das alles hin?"
"Vernichtet", vermutet Steen Thomsen, "sie haben es vernichtet, wie sie
alles Schriftliche vernichten. Aus Angst vor irgendwelchen Feinden."Jochen Schaffer starb kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag. Der Mord ist
inzwischen weitgehend aufgeklärt. Nahe der Farm wurden zwei Männer einer
berüchtigten Räuberbande verhaftet. Einer der beiden hat ausgesagt, dass die
Informationen über den Geldtransport aus der Farm Floryl kamen - von den
Arbeitern. "Warum musste Jochen Bargeld holen? Warum gab man den
Farmarbeitern keinen Scheck?", fragt Steen Thomsen und sagt, dass Tvind
fahrlässig mit dem Leben der Leute umgehe. "Ich werde die Mauer, die sie um
Jochen errichtet haben, durchbrechen", sagt Horst Schaffer. Es klingt
entschlossen, aber auch ein wenig resigniert.Von der Farmleitung in Brasilien war keine Stellungnahme zu Jochen Schaffers
Tod zu erhalten. In einem internen Tvind-Rundbrief heißt es: "Jochen hat
seinen Platz gefunden." Er sei für die große gemeinsame Sache gestorben.
"Sie nehmen seinen Tod als Zeichen, dass ihr Kampf immer weiter geht", sagt
Steen Thomsen. "Aber es ist ein Kampf, der schon lange keinen Sinn mehr
hat.""Eines verstehe ich nicht: In Jochens Zimmer war nichts Persönliches. Kein
Brief, nichts. Wo ist das alles hin?", fragt sein Bruder. "Vernichtet",
vermutet ein Freund, "sie haben es vernichtet, wie sie alles Schriftliche
vernichten. Aus Angst vor irgendwelchen Feinden. ".Foto: PRIVAT Jochen Schaffer in Brasilien, wo er für den Tvind-Konzern auf
einer großen Farm arbeitete. Das Privatbild ist eine der letzten Aufnahmen,
die von Schaffer existieren.